Glücksspielsucht und Depression: Zwei Erkrankungen, ein Teufelskreis
Wer spielsüchtig ist, hat laut Forschern über zehnmal häufiger auch eine andere psychische Erkrankung als der Durchschnitt. Die häufigste Begleiterkrankung? Depression. Laut einer Analyse des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit trifft dies auf etwa drei von vier Betroffenen zu — und in den meisten Fällen war die Depression zuerst da.
Diese Zahlen allein erklären allerdings nicht, warum die beiden Erkrankungen so eng verflochten sind. Um das zu verstehen, muss man einen Blick auf das Gehirn werfen — und auf die Frage, warum so viele Menschen erst dann spielen, wenn sie innerlich schon längst am Boden sind.
Was passiert im Gehirn? Dopamin, Serotonin und der Belohnungskreislauf
Glücksspiel aktiviert dasselbe Belohnungssystem im Gehirn wie Drogen. Wenn wir gewinnen — oder sogar nur beinahe gewinnen — schüttet das Gehirn Dopamin aus. Dieser Neurotransmitter erzeugt das Gefühl von Aufregung, Vorfreude und Belohnung. Bei gesunden Menschen reguliert sich dieser Kreislauf von selbst. Bei spielsüchtigen Menschen ist er gestört: Das Gehirn gewöhnt sich an den Dopamin-Kick und braucht immer mehr, um dasselbe Gefühl zu erzeugen.
Gleichzeitig spielt Serotonin eine zentrale Rolle. Serotonin ist der Neurotransmitter, der für unsere allgemeine Stimmungslage verantwortlich ist. Ein Serotoninmangel führt zu depressiv-ängstlicher Stimmung, Antriebslosigkeit und Hoffnungslosigkeit — den klassischen Symptomen einer Depression.
Das Problem: Glücksspiel und Depression greifen in dieselben Hirnregionen ein. Wer depressiv ist und spielt, um sich besser zu fühlen, verstärkt langfristig genau die neurochemischen Defizite, die die Depression verursachen. Der kurzfristige Dopamin-Kick wird mit langfristiger emotionaler Erschöpfung bezahlt.
Was kommt zuerst: Die Depression oder die Spielsucht?
Die Forschung zeigt ein klares Bild: Bei etwa 75 Prozent der Betroffenen war die psychische Störung — meist Depression oder Angststörung — vor der Spielsucht vorhanden. Das bedeutet:
- Viele Menschen beginnen zu spielen, weil sie ihre depressive Stimmung betäuben wollen.
- Das Glücksspiel bietet kurzfristige Ablenkung und — selten — einen Dopamin-Kick.
- Langfristig verschlimmert das Spielen die Depression: durch Schulden, sozialen Rückzug und Scham.
- Die Depression wiederum senkt die Impulskontrolle — das Risiko, rückfällig zu werden, steigt dramatisch.
Wer also nur die Spielsucht behandelt, ohne die Depression zu berücksichtigen, wird langfristig scheitern. Umgekehrt gilt dasselbe: Wer seine Depression therapiert, aber weiterhin spielt, wird den Therapieerfolg nicht halten können.
Wie erkennt man, dass beides zusammenhängt?
Nicht jeder, der spielt, ist automatisch depressiv. Und nicht jeder Depressive spielt. Aber bestimmte Warnzeichen deuten darauf hin, dass beide Erkrankungen gemeinsam vorliegen könnten:
- Gefühl der Hoffnungslosigkeit nach dem Spielen — nicht nur wegen des Geldverlusts, sondern generell
- Antriebslosigkeit und Interessenverlust, die über die Spielpausen hinausgehen
- Schlafstörungen, die nicht nur vom Spielen kommen, sondern auch in spielfreien Zeiten auftreten
- Schuldgefühle und Scham, die so stark sind, dass sie den Alltag bestimmen
- Sozialer Rückzug — nicht nur vor dem Spielen verstecken, sondern generell den Kontakt zu anderen meiden
- Gedanken an Suizid — Studien zeigen, dass 16 Prozent der spielsüchtigen Personen mindestens einen Suizidversuch berichten
Wenn mehrere dieser Anzeichen zutreffen, ist es wahrscheinlich, dass nicht nur eine Erkrankung vorliegt. Unser Artikel zu ersten Anzeichen von Spielsucht beschreibt weitere Warnsignale im Detail.
Behandlung: Warum beides gleichzeitig therapiert werden muss
In der Fachsprache nennt man das gleichzeitige Vorliegen mehrerer psychischer Erkrankungen Komorbidität. Die moderne Suchttherapie geht davon aus, dass Komorbidität kein Zufall ist, sondern systematisch auftritt. Deshalb reicht es nicht, die Spielsucht isoliert zu behandeln.
Integrierte Behandlung: Gute Therapieangebote behandeln Spielsucht und Depression gemeinsam — nicht nacheinander. Das bedeutet, dass der Therapeut sowohl sucht- als auch störungsspezifisch ausgebildet sein sollte.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Wirkt nachweislich bei beiden Erkrankungen. KVT hilft, dysfunktionale Denkmuster zu erkennen und zu verändern — etwa den Gedanken „Beim nächsten Mal gewinne ich alles zurück“ genauso wie die depressive Überzeugung „Nichts ergibt sowieso mehr Sinn.“ Unser Artikel zur Suchttherapie in Österreich zeigt, welche Therapieformen von den Krankenkassen übernommen werden.
Medikamentöse Unterstützung: In manchen Fällen können Antidepressiva — insbesondere sogenannte SSRI — helfen, das Serotonin-Defizit auszugleichen und dadurch auch das Spielsuchtverhalten zu reduzieren. Das sollte immer ärztlich begleitet werden und ist kein Ersatz für eine Psychotherapie.
Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft gegen den sozialen Rückzug, der sowohl Depression als auch Spielsucht verstärkt. Informationen zu Angeboten in Österreich finden Sie in unserem Artikel zu Selbsthilfegruppen bei Spielsucht.
Hilfe in Österreich: Anlaufstellen
Wer den Verdacht hat, dass bei ihm oder einer nahestehenden Person sowohl Spielsucht als auch Depression vorliegen, kann sich an folgende Stellen wenden:
| Anlaufstelle | Angebot |
|---|---|
| Suchtberatung Wien | Kostenlose Beratung, Diagnostik, Therapievermittlung |
| Rat auf Draht (147) | Telefonberatung für Jugendliche und junge Erwachsene |
| Psychiatrische Ambulanzen | Diagnostik und Behandlung bei Komorbidität |
| Sozialpsychiatrischer Notdienst | Akute Krisenintervention, rund um die Uhr |
| Helpline Glücksspielsucht | Spezialisierte Beratung, Medizinische Universität Wien |
Das Wichtigste in Kürze
- Spielsucht und Depression treten häufig gemeinsam auf — bei etwa 75 Prozent der Betroffenen war die Depression zuerst da.
- Beide Erkrankungen greifen in dieselben Hirnregionen und Neurotransmitter ein (Dopamin, Serotonin).
- Wer nur eine Erkrankung behandelt, riskiert Rückfälle bei der anderen.
- Integrierte Therapieansätze — KVT, ggf. Medikamente, Selbsthilfegruppen — sind am wirksamsten.
- In Österreich gibt es kostenlose Beratungsangebote, die beide Erkrankungen gemeinsam angehen.
Wenn Sie oder jemand, den Sie kennen, in akuter Not sind: Rufen Sie den Sozialpsychiatrischen Notdienst oder die Rettung (144) an. Hilfe ist verfügbar — auch dann, wenn es sich gerade nicht so anfühlt.



