Die finanziellen Folgen einer Glücksspielsucht können verheerend sein. Verschuldet bei Familie, Freunden und Banken, laufende Kredite und Überziehungen – die materielle Bilanz einer Sucht wirft lange Schatten. Doch ein Neuanfang ist möglich. Dieser Artikel zeigt einen realistischen, Schritt-für-Schritt-Plan, wie Sie nach einer Spielsucht Ihre Finanzen wieder in den Griff bekommen.
Die finanzielle Realität nach einer Spielsucht
Zunächst die harte Wahrheit: Die durchschnittlichen Schulden eines spielsüchtigen Menschen in Österreich liegen bei 30.000 bis 50.000 Euro – häufig deutlich mehr. Diese Summen resultieren aus einer Mischung aus Bankkrediten, Dispokrediten, privaten Darlehen und nicht zuletzt Schulden bei Verwandten und Bekannten. Die Scham über diese Lage führt oft dazu, dass Betroffene das Problem jahrelang ignorieren – mit dramatischen Folgen wie Zwangsvollstreckung oder Privatkonkurs.
Schritt 1: Die volle finanzielle Transparenz herstellen
Bevor Sie einen Plan machen können, müssen Sie wissen, wo Sie stehen. Das erfordert Mut, ist aber unvermeidlich:
- Erstellen Sie eine vollständige Aufstellung aller Schulden (Banken, Privatpersonen, Inkassobüros)
- Notieren Sie fällige Beträge, Zinsen und Rückzahlungsvereinbarungen
- Dokumentieren Sie laufende Kosten (Miete, Versicherungen, Lebensunterhalt)
- Ermitteln Sie Ihre regelmäßigen Einnahmen
Wichtig: Diese Aufstellung ist nur für Sie bestimmt. Sie bildet die Basis für alle weiteren Schritte.
Schritt 2: Professionelle Hilfe einholen
Sie können und sollten diesen Prozess nicht allein durchstehen:
- Schuldnerberatung: Kostenlose und anonyme Beratung bei Organisationen wie der Caritas, Diözese oder dem AK Schuldnerberatung. Diese Experten kennen alle rechtlichen Möglichkeiten und helfen bei Verhandlungen mit Gläubigern.
- Anwaltliche Beratung: Bei komplexeren Fällen oder drohenden Zwangsvollstreckungen ist ein Anwalt für Insolvenzrecht sinnvoll.
- Therapeutische Begleitung: Solange die Sucht nicht stabil behandelt ist, besteht Rückfallgefahr – auch finanziell. Ein Therapeut hilft, Umgangsstrategien mit Geld zu entwickeln.
Schritt 3: Die „Notfall-Bremse“ ziehen
Um weiteres Schaden auszuschließen, müssen Sie sofortige Maßnahmen ergreifen:
- Spielsperre: Lassen Sie sich in allen österreichischen Spielbanken und Online-Casinos sperren (mehr dazu in unserem Artikel zur Glücksspiel-Sperre)
- Kontoänderungen: Richten Sie ein Basiskonto ein, das keine Überziehung ermöglicht
- Internet-Filter: Installieren Sie Software, die Glücksspiel-Seiten blockiert
- Finanz-Vollmacht: Geben Sie einem vertrauten Angehörigen oder Betreuer zeitlich begrenzte Vollmacht über wichtige Finanzentscheidungen
Schritt 4: Ein realistisches Rückzahlungskonzept entwickeln
Die Schuldnerberatung hilft Ihnen bei der Ausarbeitung eines Plans. Typische Optionen sind:
Vergleichsverhandlungen
Gläubiger akzeptieren oft 30-70% der Forderung, wenn sie sonst mit dem vollen Verlust rechnen müssen. Eine einmalige Abfindung oder Ratenzahlung über wenige Jahre ist hier möglich.
Gerichtlicher Schuldenregulierungsplan
In Österreich können Privatpersonen einen außergerichtlichen oder gerichtlichen Regulierungsplan beantragen. Dabei werden alle Schulden zu einer monatlichen Rate zusammengefasst, die nach Abzug des Existenzminimums übrig bleibt. Nach 3-5 Jahren sind die Schulden getilgt – auch wenn nicht die volle Summe zurückgezahlt wurde.
Privatkonkurs (letzte Option)
Wenn alle anderen Wege ausgeschöpft sind, kann ein Privatkonkurs die finanzielle Rehabilitation ermöglichen. Nach sieben Jahren (bei guter Mitarbeit nach drei) werden die Restschulden erlassen. Dieser Weg hat aber erhebliche soziale und berufliche Nachteile.
Schritt 5: Ein neues Verhältnis zum Geld entwickeln
Die finanzielle Genesung ist nur nachhaltig, wenn Sie Ihre Einstellung zum Geld verändern:
- Budgetplanung: Führen Sie ein Haushaltsbuch. Jeder Euro sollte eine Bestimmung haben.
- Notfallreserve: Bauen Sie einen kleinen Puffer für unvorhergesehene Ausgaben auf – auch wenn es nur 50€ monatlich sind.
- Kontrolle durch Dritte: Lassen Sie sich von einer Vertrauensperson bei größeren finanziellen Entscheidungen begleiten.
- Realistische Ziele: Definieren Sie kleine, erreichbare Meilensteine („Diese Woche 20€ zur Seite legen“ statt „In 2 Jahren schuldenfrei“).
Schritt 6: Angehörige mit einbeziehen
Die finanzielle Aufarbeitung einer Spielsucht betrifft meist auch Partner, Eltern oder Geschwister, die Geld geliehen haben. Ehrliche Kommunikation ist wichtig:
- Erklären Sie Ihren Rückzahlungsplan transparent
- Vereinbaren Sie realistische Raten bei Privatschulden
- Bitte Sie um Geduld – Druck fördert Rückfälle
- Bieten Sie an, regelmäßig über Fortschritte zu berichten
Typische Fehler vermeiden
Viele Betroffene scheitern bei der finanziellen Rehabilitation aus vermeidbaren Gründen:
- Keine neuen Kredite aufnehmen, um alte zu tilgen (Kredittrottel)
- Nichts verschweigen – vollständige Offenheit gegenüber Schuldnerberater und Therapeut
- Keine Schnell-Lösungen glauben („Mit diesem Trade mache ich alles wieder gut“)
- Nicht allein kämpfen – professionelle Hilfe ist kein Zeichen von Schwäche
Fazit
Der Weg aus den finanziellen Folgen einer Spielsucht ist steinig und erfordert Zeit – oft mehrere Jahre. Doch mit professioneller Unterstützung, einem realistischen Plan und der Bereitschaft zur Veränderung ist ein Neuanfang möglich. Die wichtigste Erkenntnis: Sie müssen nicht alles allein schaffen. Es gibt Institutionen und Menschen, die Sie auf diesem Weg begleiten. Der erste Schritt ist der Mut, Hilfe anzunehmen.
Hinweis: Dieser Artikel bietet einen Überblick und ersetzt keine individuelle Beratung. Für konkrete rechtliche und finanzielle Fragen wenden Sie sich an eine Schuldnerberatung oder einen Rechtsanwalt.



