Spielsucht im Alter: Warnzeichen, Ursachen und Hilfe in Österreich

Ältere Person mit Smartphone – Warnzeichen von Spielsucht im Alter

Warum ältere Menschen oft übersehen werden

Wenn wir an Spielsucht denken, haben die meisten Menschen ein bestimmtes Bild vor Augen: junge Männer vor dem Computer oder am Spielautomaten. Doch diese Wahrnehmung lückenhaft. Ältere Menschen über 60 Jahren gehören zu einer zunehmend gefährdeten Gruppe, die in der Prävention und Hilfe systematisch unterrepräsentiert ist. Laut dem Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen in Deutschland, Burkhard Blienert, verzocken ältere Betroffene ebenfalls Hab und Gut, stehen aber „kaum im Fokus“ der Hilfesysteme.

Österreich ist besonders betroffen: Mit einem Medianalter von 44,5 Jahren und einer stetig wachsenden Gruppe an Menschen über 65 gehört das Land zu den ältesten Gesellschaften Europas. Laut der Spielerschutzstelle im Bundesministerium für Finanzen (BMF) wurde das Thema „Glücksspielprobleme im Alter“ bereits auf der Fachtagung 2019 explizit behandelt – unter anderem von Dr. Fulvia Prever aus Mailand, die zu „Gambling Related Problems Among Older People“ forschte. Dennoch gibt es in Österreich bis heute kaum alterspezifische Beratungsangebote.

Besondere Risikofaktoren im Alter

Die Gründe, warum Menschen im Ruhestand verstärkt zum Glücksspiel greifen, unterscheiden sich fundamental von jenen bei jüngeren Betroffenen. Die wissenschaftliche Literatur und die Publikation „Glücksspielprobleme im Alter“ von Dr. Tobias Hayer und Dr. Jens Kalke (Lambertus-Verlag, 2024) nennen folgende Kernfaktoren:

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  • Einsamkeit und soziale Isolation: Nach dem Ruhestand, dem Verlust des Partners oder dem Auszug der Kinder fehlen vielen Senioren soziale Kontakte. Spielbanken und Lottoannahmestellen werden zu Ersatz für fehlende Gemeinschaft.
  • Viel freie Zeit ohne sinnstiftende Aufgaben: Der plötzliche Wegfall von Beruf und Struktur im Alltag führt bei vielen Älteren zu einem Gefühl der Leere, das mit Glücksspiel gefüllt wird.
  • Umgang mit Verlusterlebnissen: Tod des Partners, chronische Erkrankungen oder der Verlust der eigenen Mobilität können als Auslöser dienen. Das Glücksspiel wird zur Flucht vor Trauer und Ohnmacht.
  • Langeweile: Besonders in Pflegeheimen oder bei eingeschränkter Mobilität bieten Online-Glücksspiele und Automaten scheinbare Abwechslung.

Wichtig ist: Die meisten älteren spielsüchtigen Menschen haben bereits vor dem 60. Lebensjahr regelmäßig gespielt. Das Alter selbst löst die Sucht also nicht aus, verstärkt aber bestehende Muster durch die genannten Faktoren.

Warum das Problem oft spät erkannt wird

Ältere Menschen fallen in der Regel nicht durch auffälliges Verhalten auf. Sie spielen nicht illegal, werden nicht straffällig und verursachen selten öffentliche Störungen. Viele sitzen allein zu Hause vor dem Tablet oder besuchen diskret Spielbanken. Angehörige und sogar Ärzte nehmen das Glücksspiel oft als „harmloses Hobby“ wahr oder schieben die Warnzeichen auf Altersdemenz oder Depression.

Hinzu kommt eine generationsbedingte Schambarriere. Menschen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren aufgewachsen sind, empfinden das Eingestehen einer Sucht häufig als persönliches Versagen. Sie suchen daher erst dann Hilfe, wenn die finanziellen Schäden bereits katastrophal sind – Rentenkonten sind geplündert, Ersparnisse aufgebraucht, manchmal sogar Immobilien belastet.

Typische Warnzeichen bei Senioren

Angehörige, Pflegekräfte und Freunde sollten auf folgende Anzeichen achten:

  • Finanzielle Unstimmigkeiten: Ungeklärte Abbuchungen, überzogene Kreditkarten, plötzliche Kredite oder das Verkaufen von Wertgegenständen „für die Enkelkinder“.
  • Veränderte Kommunikationsgewohnheiten: Geheimniskrämerei über den Tagesablauf, vermehrte Telefonate oder Nachrichten an unbekannte Kontakte (Online-Casinos nutzen oft aggressive Telefonakquise).
  • Technische Verhaltensänderungen: Plötzliches intensives Beschäftigen mit dem Smartphone, Tablet oder Computer – besonders nachts oder in frühen Morgenstunden.
  • Sozialer Rückzug: Abmeldung von bisherigen Aktivitäten, Vernachlässigung von Hygiene oder Medikamenteneinnahme zugunsten des Spielens.
  • Emotionale Auf- und Abs: Phasen übertriebener Euphorie wechseln mit Reizbarkeit, Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen – typisch für die Dopamin-Schwankungen bei Glücksspielsucht.

Wer selbst unsicher ist, ob das eigene oder das Verhalten einer nahestehenden Person problematisch ist, kann den kostenlosen Selbsttest der Bundesregierung nutzen. Auch erste Warnzeichen im Alltag lassen sich frühzeitig erkennen.

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Welche Glücksspielangebote ältere Menschen besonders anziehen

Während junge Männer laut dem Bundesdrogenbeauftragter besonders durch Sportwetten gefährdet sind, spielen ältere Menschen in Österreich vorrangig:

  • Lotterien und Rubbellose: Sozial akzeptiert, leicht zugänglich und mit dem Gefühl verbunden, „nur harmlose Kleinstbeträge“ zu riskieren.
  • Spielautomaten und Casinos: Besonders in ländlichen Regionen fungieren Spielbanken als soziale Treffpunkte. Das kostenlose Buffet, die klimatisierten Räume und das Gespräch mit dem Personal werden zu Anziehungspunkten.
  • Online-Casinos: Die Nutzung nimmt auch bei Senioren rasant zu. Tablets und Smartphones machen das 24-Stunden-Glücksspiel vom Sofa aus möglich – besonders gefährlich für immobile Menschen.

Hilfe und Beratung für ältere Spielsüchtige in Österreich

Österreich verfügt über ein dichtes Netz an Beratungsstellen, doch spezialisierte Angebote für Menschen über 60 sind rar. Die Suchttherapie bei Spielsucht ist grundsätzlich für alle Altersgruppen zugänglich – Kosten werden von der Krankenkasse übernommen, sofern eine Überweisung zum Facharzt für Psychiatrie vorliegt.

Konkret stehen in Österreich folgende Anlaufstellen zur Verfügung:

  • Die Spielerschutzstelle im BMF: Koordiniert die Vernetzung von Behörden und Facheinrichtungen. Über das BMF-Portal finden sich Hilfsangebote in allen Bundesländern.
  • Schuldnerberatungsstellen: Bei bereits entstandenen finanziellen Schäden ist die staatlich anerkannte Schuldnerberatung der erste Adressat. Sie berät unabhängig und kostenlos.
  • Ambulanzen für Spielsucht: Das Anton Proksch Institut Wien, die Spielsuchtambulanzen des Grünen Kreises in Linz, Graz, Klagenfurt und Wien sowie die Fachstelle für Glücksspielsucht in der Steiermark bieten spezialisierte Therapieangebote.

Eine Spielersperre kann sowohl online als auch in stationären Casinos beantragt werden und ist ein wirksames Instrument, um den Zugang zu blockieren.

Was Angehörige und Pflegepersonal tun können

Angehörige sind oft die ersten, die Veränderungen bemerken. Wichtig ist ein wertschätzender, nicht konfrontativer Ansatz:

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  • Gespräch suchen, ohne zu verurteilen: Formulierungen wie „Ich mache mir Sorgen, weil…“ öffnen Türen. Vorwürfe führen meist zu Verleugnung.
  • Finanzen gemeinsam strukturieren: Ein Pflegegeld- oder Rentenkonto auf den Namen eines vertrauten Angehörigen umstellen, Daueraufträge für Fixkosten einrichten und Kreditkartenlimits reduzieren.
  • Alternativen anbieten: Einsamkeit ist der Haupttreiber. Gemeinsame Spaziergänge, Besuche in Seniorenclubs oder ehrenamtliche Tätigkeiten können die Leere füllen, die das Glücksspiel sonst ausfüllt.
  • Professionelle Hilfe einbeziehen: Der Hausarzt oder die Geriatrie kann auf die Unterstützung für Angehörige hinweisen und eine Überweisung ausstellen.

Für Pflegekräfte in Heimen und betreuten Wohngemeinschaften empfiehlt die Fachliteratur spezifische Schulungen zur Früherkennung. Flyer mit großer Schrift, die in Gemeinschaftsräumen ausliegen, und Kooperationen zwischen Suchthilfe und altersspezifischen Einrichtungen sind wirksame Präventionsmaßnahmen.

Fazit: Spielsucht im Alter ist kein harmloses Hobby

Spielsucht im Alter ist ein ernstes, aber weitgehend ignoriertes Problem in Österreich. Die Kombination aus Einsamkeit, freier Zeit und dem Mangel an altersgerechten Hilfsangeboten schafft ein Risikoklima, das die Betroffenen schnell in finanzielle und seelische Not bringt. Angehörige, Pflegepersonal und Ärzte müssen sensibilisiert werden, damit Warnzeichen nicht als „Alterserscheinungen“ fehlinterpretiert werden.

Die gute Nachricht: Hilfe ist verfügbar. Ob durch die kassenfinanzierte Suchttherapie, die Spielersperre oder die zahlreichen Beratungsstellen in allen Bundesländern – der erste Schritt ist stets das Erkennen des Problems.

Häufig gestellte Fragen

Ist Spielsucht im Alter genauso behandelbar wie bei jüngeren Menschen?

Ja, grundsätzlich ja. Die kognitive Verhaltenstherapie, die bei Spielsucht als Goldstandard gilt, ist auch für ältere Menschen wirksam. Allerdings müssen Therapeuten auf mögliche Begleiterkrankungen wie Demenz, Depression oder körperliche Einschränkungen eingehen. Die Motivation zur Therapie ist bei älteren Menschen oft sogar höher, da sie ihre Lebensleistung nicht „vergeuden“ wollen.

Wie kann ich als Angehöriger mit einem älteren Familienmitglied über dessen Spielverhalten sprechen?

Wählen Sie einen ruhigen Moment, in dem keine Zeitdruck besteht. Vermeiden Sie Schuldzuweisungen und konzentrieren Sie sich auf konkrete Beobachtungen („Ich habe bemerkt, dass Sie in den letzten Wochen öfter am Tablet spielen und sich dabei sehr aufregen“). Bieten Sie konkrete Hilfe an, etwa beim Arztbesuch oder beim Kontakt mit einer Beratungsstelle.

Gibt es spezielle Hilfsangebote für ältere spielsüchtige Menschen in Österreich?

Leider noch kaum. Die meisten Beratungsstellen sind auf alle Altersgruppen ausgerichtet, bieten aber keine spezialisierten Seniorenprogramme. Die Fachstelle für Glücksspielsucht in der Steiermark und das Anton Proksch Institut Wien haben jedoch Erfahrung mit älteren Klienten. Das BMF hat auf seiner Fachtagung 2019 explizit gefordert, alters- und bedarfsspezifische Angebote auszubauen.

Kann eine Spielersperre auch online beantragt werden?

Ja. In Österreich gibt es betreiberübergreifende Sperrsysteme. Eine Sperre kann zentral eingerichtet werden und gilt dann für alle lizenzierten Anbieter. Die Spielersperre ist ein sehr wirksames Instrument, besonders für immobile Menschen, die primär online spielen.

Welche finanziellen Schäden sind typisch bei Spielsucht im Alter?

Neben der Aufzehrung von Ersparnissen und der Belastung von Rentenkonten kommt es häufig zum Abschluss von Konsumentenkrediten, dem Verkauf von Wertgegenständen oder sogar der Belastung von Immobilien. In besonders schweren Fällen droht die Pfändung des Pflegegeldes oder der Mindestsicherung. Frühzeitige Schuldnerberatung ist essenziell.

Wie unterscheidet sich Spielsucht im Alter von der bei jüngeren Menschen?

Während jüngere Betroffene häufig durch Sportwetten, Online-Casinos oder Kryptogaming gefährdet sind, greifen ältere Menschen eher zu Lotterien, Rubbellosen und Spielautomaten. Der soziale Kontext ist ein anderer: Einsamkeit statt Peer-Pressure. Die Folgeschäden sind oft dramatischer, da die finanzielle Reserve begrenzt ist und die Zeit zur Wiederaufbauung fehlt.

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